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Verspätung

Mit einer fahrigen Handbewegung strich sich Mirko seine rotbraunen Haare aus der Stirn. Obwohl die November-Kälte durch seine Jeans und die grüne Kunstlederjacke kroch, spürte er, wie ihm der Schweiß aus allen Poren brach. Fünf Minuten über die Zeit und vom Stadtbus Richtung Südklinikum war nichts zu sehen. Wie sollte er das der Sprechstundenhilfe erklären? Die hatte ihm schon am Telefon eingeschärft, wie wenig Zeit der Leitende Oberarzt für die ambulante Sprechstunde hatte. Was, wenn der Bus überhaupt nicht kam, weil es einen Unfall gab, der Fahrer nicht zum Dienst erschienen war oder sonst etwas die Tour unmöglich machte?

Mirko spürte den ziehenden Schmerz in seinem Bein, den er seit dem Sturz mit dem Motorrad nie richtig losgeworden war. Der Orthopäde hatte ihm verschiedene Vorschläge gemacht, was er dagegen tun konnte. Aber auch die Physiotherapie und die Besuche beim Osteopathen hatten nicht wirklich geholfen. Nun also sollte er sich im Klinikum vorstellen, damit dort entschieden werden konnte, ob ein operativer Eingriff notwendig und sinnvoll war. Aber der Termin war schon dreimal verschoben worden. Einmal musste Mirko an der Uni eine Prüfung schreiben, einmal war der Oberarzt selbst krank und beim dritten Mal gab es so viele akute Notfälle, dass die ambulante Sprechstunde ausfiel.

Zehn Minuten Verspätung und noch immer kein Bus in Sicht! Mirko war nicht der Einzige, der ungeduldig wartete. Die Frau mit dem Bernhardiner hatte ihre Leckerli inzwischen verfüttert und trat ratlos von einem Bein auf das andere. Der mittelalterliche Herr mit der Spiegelglatze wechselte die wichtig aussehende braune Leder-Aktentasche nervös von einer Hand in die andere, um zwischendurch immer wieder auf die protzige Rolex an seinem linken Handgelenk zu starren. Auf der digitalen Anzeigetafel der Haltestelle stand hinter der Nummer und dem Ziel des Busses nach wie vor eine „1“ für den Zeitraum von einer Minute, in der ihr Bus abfahren sollte. Zum Lachen, wenn es nicht zum Heulen wäre, dachte Mirko.

Krampfhaft überlegte er, welche Alternativen er hatte. Schon jetzt – inzwischen waren 15 Minuten seit der fahrplanmäßigen Abfahrtszeit des Busses vergangen – würde er zu spät im Krankenhaus erscheinen und von der resoluten Sprechstundenhilfe wahrscheinlich eine gnadenlose Abfuhr erteilt bekommen. Geld für ein Taxi hatte er nicht und die nächste Straßenbahn- oder U-Bahn-Haltestelle war viel zu weit entfernt. Der Schweiß lief ihm die Brust, den Rücken und die Beine hinunter, als wäre er beim Joggen unterwegs.

40 Minuten vorbei. Da endlich kam der Nachfolgebus. Die drei Wartenden stiegen ein. Mirko fühlte sich wie nach einer durchzechten Nacht oder einer unverdaulichen Mahlzeit. Nach neun Haltestellen stieg die Frau mit dem Bernhardiner aus. Drei Haltestellen weiter kam das Klinikum in Sicht. Mirko fragte sich ernsthaft, ob er überhaupt noch hingehen oder es lieber gleich bleiben lassen sollte. Gemeinsam mit dem Glatzköpfigen stieg er aus.

Am Krankenhauseingang herrschte reger Betrieb. Beinahe hätte eine zierliche Krankenschwester Mirko umgerannt. Als er sich nach ihr umdrehte, traute er seinen Augen und Ohren nicht. Die Schwester machte gerade vor dem Mitfahrer Halt und rief mit der unverkennbaren Stimme „seiner“ Sprechstundenhilfe: „Da sind Sie ja endlich, Herr Oberarzt. Wären Sie jetzt nicht gekommen, hätte ich die ambulante Sprechstunde abgesagt.“

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