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Tsipraskrawatte

Wenn Sie mich fragen: Dem Mann gehört ein Denkmal gesetzt! Denn wie Martin Luther die Kirche reformierte und Che Guevara die Diktatur besiegte, so hat Alexis Tsipras uns vom Krawattenzwang befreit.

Ich spreche von dem am 26. Januar 2015 erstmals vereidigten griechischen Ministerpräsidenten. Ob es seine Idee war oder ein Wahlkampf-Gag seiner Partei, weiß ich nicht. Es ist mir letztlich auch egal. Jedenfalls war es Alexis Tsipras, der fortan bei Gipfeltreffen auf der politischen Bühne die Kleiderordnung umkrempelte, indem er sich im obligatorischen Gruppenbild ohne Krawatte hinstellte.

Das wurde beachtet und hatte Folgen. Selbst konservative Politiker erschienen zu Staatsempfängen und Parlamentssitzungen plötzlich ohne. Also ohne Krawatte. In den Vorstandsetagen börsengelisteter Unternehmen entblößten sich Hemdkragenknöpfe genauso wie in Behörden und Banken. Ein bisschen fühlte ich mich an das Märchen von des Kaisers neuen Kleidern erinnert.

Die Revolution setzte sich - langsam, still und mehr oder weniger heimlich – von oben nach unten fort. Bei Hochzeiten, bei Beerdigungen und selbst beim Wiener Opernball sah man immer seltener einen Kulturstrick.

Einschlägige Produktionsstätten stellten ihr Programm um, Schlipse verschwanden aus Schaufenstern und Katalogen, Bindeanleitungen wurden geschreddert.

Ich frage mich nur, wo all die Krawatten hin sind, die sich - jahrzehntelang getragen - in den Kleiderschränken häuften. In Second-Hand-Läden und Kleiderkammern für Bedürftige will sie schließlich auch niemand mehr. Und für den Reißwolf sind sie eigentlich zu schade.

Kürzlich habe ich einige von ihnen wiederentdeckt. Auf einem Flohmarkt. Zu neuen Formen geschnitten und kunstvoll zusammengenäht. Als Blusen, Röckchen, Hüte und Sandalen. Für mich ist das Post-Tsipras-Mode. Alexis Tsipras hätte sowas nie angezogen.

Was bleibt von seinem Lebenswerk? Kaum mehr als der Satz, der schon jetzt als geflügeltes Wort in die Geschichte eingegangen ist: Schau mal, da kommt jemand mit Tsipraskrawatte. Will sagen: mit keiner.

Wie das Denkmal für den Befreier vom Krawattenzwang aussehen könnte? Ich stelle mir einen Torso aus griechischem Marmor vor. Nur mit Hemd und offenem Kragen. Und darunter die Inschrift: Tsipraskrawatte, so benannt nach Alexis Tsipras, dem ersten westlichen Politiker der Neuzeit, der mit ohne regierte.

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