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Sternenhimmel

Sie saß im Gras und fühlte sich geborgen. Von dem Hügel aus hatte sie eine weite Sicht auf das fränkische Seenland. Hier war sie oft mit ihren Kindern gewesen. Mal waren sie dort gewandert, mal hatten sie kleine Fahrradtouren um den Altmühl- und den Brombachsee unternommen. Andrea erinnerte sich, wie glücklich sie gewesen waren. 

Einmal hatte die Dunkelheit sie überrascht. Wie hatten sie über die unendliche Weite des Sternenhimmels gestaunt. „Werde ich ein Stern sein, wenn ich tot bin?“, hatte Sofie, die Jüngste, unvermittelt gefragt. „Vielleicht“, hatte Andrea ihrer Tochter geantwortet. 

Vor zwei Wochen mussten sie Sofie zu Grabe tragen. Erst hatte sie nur gehustet. Dann war es immer schlimmer geworden. Eine Lungenentzündung hatte den kleinen Körper geschwächt und schließlich überwältigt. 

Andrea konnte es immer noch nicht fassen: Sofie, ihr Sonnenschein, war von heute auf morgen nicht mehr da. Die anderen Kinder waren ihr auf einmal gar nicht mehr so wichtig. Sie sah immer wieder Sofies blasses Gesicht. Beim Aufwachen. Am Tag. Beim Einschlafen. 

Heute hatte Andrea sich auf den Weg gemacht. Allein. Dorthin, wo sie alle so glücklich gewesen waren. Sie wollte das duftende Gras riechen, die Weitsicht genießen und wenn sie bis zum Abend blieb – wer weiß – noch einmal den Sternenhimmel betrachten. 

Wie viele Stunden hatte sie inzwischen dagesessen? Sie spürte den kühler gewordenen Wind im Gesicht. Sie fröstelte und hüllte sich in die mitgebrachte Decke. Die Dämmerung brach herein.  

Sie merkte nicht, wie ihr die Sinne schwanden. Doch irgendein Traum – oder war es eine Vorahnung? – weckte sie abrupt. Sie schlug die Augen auf und sah den weiten Sternenhimmel über sich. Und dann bemerkte sie ihn: diesen einen Stern, zwar klein, aber so hell und irgendwie pink leuchtend, wie sie nie zuvor einen gesehen hatte. Und wie von selbst formte ihr Mund ein Wort, einen Namen.


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