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Nürnberger mit Piep

Summend und wie aus dem Ei gepellt stand Mina Hartmann am Herd. Die gestärkte weiße Baumwollschürze passte zu ihrem sorgfältig frisierten schlohweißen Haar. Seit sie vor 20 Jahren aus dem Schwabenland zugezogen war, liebte sie Nürnberger Rostbratwürste. Und sie ließ es sich nicht nehmen, diese Spezialität von Zeit zu Zeit selbst zuzubereiten - ohne Rücksicht darauf, dass die Fettspritzer ihre Schürze schnell ruinierten.

Als Minas Mann Herbert damals vorzeitig in den Ruhestand trat, lebte die gemeinsame Tochter mit ihrer Familie bereits in Nürnberg. Das besondere Flair der einstigen Reichsstadt hatte es auch Mina und Herbert angetan. Deshalb wählten sie die Frankenmetropole als Alterssitz und bezogen eine Drei-Zimmer-Wohnung im zwölften Stock eines Hochhauses. Von dort hatten sie einen herrlichen Ausblick über die Altstadt und bis zum Moritzberg, dem Nürnberger Hausberg. Ihr „Refugium“, wie sie ihr Wohneigentum nannten, richteten sie sich altersgerecht ein. Als geborener Tüftler und passionierter Heimwerker setzte Herbert in allen Räumen seine Vorstellungen von einem zeitgemäßen Beleuchtungssystem um. Seine Frau war ihm dabei keine große Hilfe, denn technische Zusammenhänge interessierten sie wenig. Minas Reich war die Küche, in der sie nach Herzenslust brutzeln und ausprobieren konnte, wonach ihr gerade der Appetit stand.

Seit Herberts Tod wenige Jahre nach dem Umzug blieb die Küche jedoch meistens kalt. Mina traf sich regelmäßig mit anderen alleinstehenden Damen zu einem späten, aber reichlichen Frühstück in einem Café in der Nachbarschaft. Das Mittagessen ließ sie danach ausfallen und gab sich lieber einem ausgiebigen Mittagsschlaf hin. Zur Kaffeezeit war sie wieder hellwach, denn im Fernsehen begannen ihre Vorabend-Serien, von denen sie keine Folge verpassen wollte.

Eine Ausnahme von der täglichen Routine bildeten die Besuche ihrer Tochter, ihrer Enkel und Urenkel. Wenn sich solch ein Besuch ankündigte, stand Mina wieder in der Küche, um großen wie kleinen Schleckermäulern eine Gaumenfreude zu bereiten. Und weil Mina gern vorausdachte, bemaß sie die Mengen so, dass sie genug übrig hatte zum Einfrieren in kleinere Portionen für die eine oder andere Einzelmahlzeit.

Nun war es wieder einmal so weit. Mina hatte alle Beilagen parat, mit denen sie ihre Lieblingsspeise Nürnberger Rostbratwürste servieren wollte. Die Würste selbst briet sie in der Pfanne, wie sie es schon oft getan hatte. Die Rauchschwaden, die sich in der Küche ausbreiteten, machten ihr nichts aus. Im Gegenteil, der würzige Duft, der den ganzen Raum und den angrenzenden kleinen Flur durchströmte, ließ ihr das Wasser im Mund zusammenlaufen. Während sie die Hitze drosselte, sah sie in Gedanken schon die fröhlichen Gesichter ihrer hungrigen Besucher, wenn sie die Wohnungstür öffnete.

Der ohrenbetäubende Piepton erschreckte Mina bis ins Mark. Sie wankte und musste sich an der Arbeitsplatte festhalten, um nicht zu fallen. An den Küchenmöbeln entlang tastete sie sich hinaus in den Flur. Das Piepen kam von der Decke. Dort hing der Rauchmelder, der neuerdings Pflicht war und den die Hausverwaltung kurz vor dem Jahreswechsel durch eine Fachfirma hatte montieren lassen. Mina wusste nicht, was sie tun sollte. Ihr Blick fiel auf den „Hausnotruf“ auf der Kommode, den Herbert noch beauftragt hatte. Mina drückte den roten Knopf an dem Gerät und wartete ungeduldig. Als sich jemand meldete, schilderte sie panisch ihre Situation. „Und was mach‘ ich jetzt, damit das grässliche Piepen aufhört?“, schrie sie schließlich in den Hörer. „Wir kümmern uns“, sagte die Stimme, dann knackste es in der Leitung.

Zurück in der Küche starrte Mina wie gelähmt aus dem Fenster auf die Straße hinunter – und traute bald ihren Ohren und Augen nicht. Erst hörte sie Martinshörner, dann näherten sich blaue Signalleuchten. Die Polizei, der Rettungswagen des Roten Kreuzes und drei Löschfahrzeuge der Feuerwehr samt Drehleiter kamen fast gleichzeitig an. Wenige Minuten später füllte sich Minas Wohnung mit Uniformierten, die sich neugierig umsahen. Ob einer von ihnen beherzt nach einem Stuhl griff, zum Rauchmelder hinaufstieg und ihn abschaltete oder ob das Piepen von allein aufhörte, bekam Mina nicht mit. Sie schüttete einem jungen Rettungssanitäter, der sich ihrer annahm, ihr Herz aus. Und dann hatte sie eine Idee. „Wenn die Damen und Herren Einsatzkräfte schon einmal da sind“, erklärte sie, „haben sie doch bestimmt Hunger mitgebracht. Und ich habe heute jede Menge Nürnberger Würste gebraten. Bitte, suchen Sie sich doch ein freies Plätzchen und seien Sie einfach meine Gäste!“

Mit ihrer Tochter, den Enkeln und den Urenkeln ging Mina Hartmann an diesem Tag zum Essen in die Pizzeria um die Ecke.

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