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Ein Ort, an dem ich gern bin

Eine Schönheit ist er nicht gerade, mein Meisenkasten. Aus grobem Beton ist er gegossen. Nur das runde Loch an seiner Vorderseite ziemlich weit oben verrät seinen Zweck. Grau und wuchtig hängt er da an einem Bügel aus Metall. Der rostet vor sich hin wie der Nagel, der das Ganze hält. Und dieser Nagel sitzt in der knorrigen Rinde einer Kiefer.

Wenn ich es nicht besser wüsste, würde ich meinen, diese Kiefer sei ein Laubbaum. Denn Ahornblätter umranken sie. Erst beim genauen Hinsehen zeigt sich, dass die Ästchen, die diese Blätter tragen, dem jungen Ahorn gehören, der gleich neben der Kiefer wächst. Und diese Mischung aus Kiefer und Ahorn setzt sich fort nach links, rechts und in den Hintergrund des Bildes, das ich so gern betrachte. Den Rahmen dazu bildet das dunkelgebeizte Holz meines Fensters.

Einen Vorhang hat das Fenster nicht - der würde mir ja nur die schöne Aussicht nehmen.

Mein Platz am Fenster – Sie finden ihn langweilig? Ich nicht! Von hier aus erlebe ich den Wechsel der Jahreszeiten, als säße ich mitten drin in der Natur. An Regen- und Sonnentagen, in Nebel und Schnee, bei flirrender Hitze oder starrender Kälte mit Eis oder Raureif oder Morgentau. Wenn ich das Fenster öffne, rieche ich die würzige Luft oder schmecke das Aroma der Früchte vom benachbarten Brombeerstrauch. Mit all diesen Eindrücken verbinden sich Erinnerungen und frühe Kindheitserlebnisse werden wieder lebendig.

Von meinem Platz am Fenster aus beobachte ich Eichhörnchen. Die fleißigen Kletterer sausen an Baumstämmen hinauf und hinunter, schwingen sich von Ast zu Ast und springen manchmal sogar auf mein Fensterbrett. Wenn ich mich ein wenig vorbeuge, kann ich den Waldboden sehen. Huscht da nicht gerade eine Maus unter einem Laubhaufen hindurch? Früh am Morgen hoppeln Wildkaninchen dort herum. Und in der Abenddämmerung, wenn es schon fast dunkel ist, kommt ein Igel majestätisch gemessenen Schrittes von der einen Seite, um nach der anderen zu verschwinden. Die Milch, die ich ihm einmal in einem Schälchen hingestellt habe, hat er nicht angerührt. Aber er ist immer wieder gekommen – er weiß, dass es die Menschen hier gut mit ihm meinen.

Ja, und dann erst die Vögel! Amseln, Eichelhäher, Klaiber, Rotkehlchen fliegen vor meinem Fenster vorbei und geben sich in meinem Bild ein Stelldichein. Es kommt auch vor, dass ein kleiner Kauz das Dach des Meisenkastens als Ruheplatz benutzt; dann schauen wir uns direkt in die Augen. Spatzen schwirren und hüpfen natürlich auch durch mein Bild.

Aber am liebsten sind mir die Meisen. Im Herbst sehe ich sie selten. Im Winter kommen sie schon öfter auf der Suche nach Futter, das ich ihnen manchmal an den Kiefernstamm binde. Und zu ihrem bewegten Marktplatz machen sie das Stück Natur vor meinem Fenster im Frühjahr. Ist das ein Zwitschern und Flügelschlagen! Viele hängen sich an meinen Meisenkasten und lugen hinein. Nicht allen scheint er zum Wohnen gut genug zu sein. Andere fliegen enttäuscht davon, wenn inzwischen ein Pärchen Einzug gehalten, das Nest gebaut und Hochzeit gefeiert hat.

Tagein tagaus sehe ich erst den werdenden Meisenvater, dann ihn und seine Frau den Nistkasten verlassen und mit einem Würmchen oder Insekt im Schnabel zurückkehren. Welche Freude ist es, wenn ich aus dem Kasten das erste leise Gezirpe höre, das von Tag zu Tag anschwillt und lauter und fordernder wird. In immer kürzeren Abständen wechseln Mutter und Vater Meise sich auf der Landebahn des Ahornastes ab, um dann das Loch des Nistkastens anzufliegen, den Kopf hindurchzustecken und das Hallo da drin für einen Moment abebben zu lassen.

Bis das Piepen von einem Tag auf den anderen nicht mehr aus dem Kasten dringt, sondern links und rechts davon ertönt, hüben und drüben verstreut. Dick aufgeplustert sitzen die kleinen Meisen zwischen dem frischen Grün der Ahornblätter versteckt und sperren die Schnäbel auf, die reihum von den Eltern gestopft werden. Ich muss schmunzeln, denn vor meinem geistigen Auge sehe ich mich beim Füttern meiner eigenen Kinder, als sie noch ganz klein waren. Die Kommandos scheinen die gleichen zu sein: „Schnabel auf! Zu! Und schlucken!“

Das geht solange, bis die Familie wegzieht. Nur einzelne Meisen kommen im Sommer wieder und inspizieren für kurze Zeit den Kasten – ob sie ihre Kinderstube wohl wiedererkennen?

Sie sehen: Zu meiner Unterhaltung brauche ich kein Radio und keinen Fernseher. Von meinem Platz am Fenster nehme ich teil am Leben und bin selbst ein Teil davon.

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