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Die Prophezeiung

„Geschafft!“ Zufrieden klappte Josua den Deckel der großen Holzkiste zu und legte die Nägel und den Hammer darauf. Den ganzen Nachmittag hatte er in seinem Zimmer gepackt. Darüber war es Abend geworden. Jetzt wollte er die Kiste zunageln. Da öffnete sich ohne Anklopfen die Tür und sein Vater trat ein.

„Ich meine, du solltest es dir noch einmal überlegen. Diese eine Nacht noch darüber schlafen.“ Vaters Stimme klang wie ein wohlgemeinter Rat. Aber Josua wusste es besser. Dieser Mann würde nicht locker lassen. So hatte Josua es schon oft erlebt. Sein großer Bruder Ruben und seine ebenfalls ältere Schwester Sara hatten sich am Ende ja auch immer dem Willen des Vaters gebeugt. Als „der Pfarrherr“, wie die drei ihren Vater, den Dorfpfarrer, hinter seinem Rücken nannten, war er Widerrede nicht gewohnt. Zumindest nicht aus seiner Gemeinde. Wie hätte er sie da von seinen eigenen Kindern akzeptieren können? Er war doch das Haupt der Familie. Ihm hatten sie dankbar zu sein, dass sie überhaupt da waren. Und seit Mutters Krebstod war er nicht etwa milder geworden. Im Gegenteil.

Josua war der Jüngste und als solcher von allen verwöhnt worden. Und jetzt wagte ausgerechnet er es, seinen eigenen Weg zu gehen.

Offen schaute er dem Vater in die Augen. „Ich werde morgen nach Hongkong fliegen, ob mit oder ohne deinen Segen.“ Josuas Stimme klang fest und entschlossen. „Ich werde mich von dir freistrampeln, und wenn es das letzte ist, was ich tue.“ Josua wandte sich wieder seiner Kiste zu. Ein paar Hammerschläge, und der Deckel würde zugenagelt sein. Öffnen würde er die Kiste erst in ein paar Wochen, wenn sie ihm per Schiff nachgereist war.

Die Chinesen suchten junge Informatiker aus dem Westen wie ihn. Der Job in Hongkong war seine Chance. Seine Chance, nach frisch abgeschlossenem Studium in seinem Beruf schnell vorwärts zu kommen und endlich weg von hier, aus dem engen Elternhaus, aus dem kleinen Ort. Sie hatten ihm Wurzeln und Geborgenheit gegeben, aber eben auch das Gefühl, festzusitzen, eingezwängt zu sein. Josua wusste, dass ihn in Fernost kein geregelter Achtstundentag erwartete wie in der nahen Großstadt. Hätte er dort einen Vertrag abgeschlossen, hätte er sogar zu Hause wohnen bleiben können. Aber er musste fort, weit fort.

Sein Blick hob sich zu dem Kalenderblatt, das er einmal ausgeschnitten und an das Pinnbrett über seinem Schreibtisch gehängt hatte. Da stand es schwarz auf weiß: „Unsere Familien bauen Gefängnismauern um uns herum, während wir klein sind. Wenn wir erwachsen werden, liegt die Verantwortung bei uns, einen Weg in die Freiheit zu suchen.“ Josua kannte zwar keine Annika Pleigel, die das gesagt oder geschrieben haben sollte. Aber ihre Worte beschrieben seine Situation genau.

„Ich werde meinen Weg in die Freiheit finden.“ Josua murmelte es mehr sich selbst zu als dem Mann hinter ihm.

„Freiheit? Ausgerechnet in China?“ versetzte sein Vater. Der gab nicht auf. „Deiner Mutter hättest du das Herz gebrochen. Sie hätte das nicht überlebt. Überhaupt, der Krebs – meinst du nicht, dass der was mit dem Kummer zu tun hatte, den du ihr angetan hast?“

Josua schnellte herum: „Was sagst du da? Gibst du allen Ernstes mir die Schuld an ihrem Tod?“

„Ich meine nur, dass sowas wie Krebs ja auch psychische Ursachen haben kann. Hast du dir darüber nie Gedanken gemacht?“

„Oh doch, das habe ich! Aber ich bin zu einem ganz anderen Schluss gekommen. Dass sie am Ende einfach keine Kraft mehr hatte, kapituliert hat. Vor dem Krebs, vor allem aber vor dir! Wie sie deine Tyrannei überhaupt so lange überlebt hat, ist mir ein Rätsel. Wenn einer sie auf dem Gewissen hat, dann du!“

Josua wandte sich ab. Dem eiskalten Blick seines Vaters hielt er nicht stand. Obwohl er fast so groß war wie sein Vater, fühlte er sich vor ihm klein und erbärmlich. Aber er wusste auch: Wenn er jetzt nachgab, hatte er verloren.

Während er zum Hammer griff, hörte er die vor Erregung zitternde Stimme des Vaters: „Dass du dich nicht schämst! Deine Mutter und ich haben immer nur dein Bestes gewollt. Und das ist jetzt der Dank. Aber das lasse ich mir nicht bieten. Nicht von dir. ,Du sollst Vater und Mutter ehren’, das habe nicht ich mir ausgedacht, das steht in der Bibel. Und da steht auch, wie es dem verlorenen Sohn erging, als er sich davonmachte. Und deshalb sage ich dir: Das Geld für das Ticket kriegst du nicht. Basta. Und wenn du vor mir auf der Erde kriechst.“

Josuas Gedanken überschlugen sich. Blitzschnell erkannte er, dass dies das Ende seiner Pläne war. Wenn der Vater ihm nicht das Geld für das Ticket gab, würde er nicht fliegen können. Und wenn er nicht flog, würde er den Job nicht bekommen. Was dann?

„Ich habe ein Recht auf das Geld. Es ist das letzte, um was ich dich gebeten habe. Und das kannst du mir nicht verweigern!“ Josuas Stimme war angeschwollen. Mit weit aufgerissenen Augen drehte er sich wieder zum Vater um und starrte ihn an. Was würde er diesem Mann jetzt alles am liebsten entgegenschleudern? Diese dämlichen biblischen Namen, die er seinen Geschwistern und ihm gegeben hatte und für die sie immer gehänselt wurden, vom Kindergarten an. Wie er sie mit Taschengeld kurz hielt. Wie sie die braven Pfarrerskinder abgeben mussten vor den Leuten, damit er nur ja gut angesehen war für seine tollen Erziehungserfolge. Wie er Ruben die Freundin und Sara den Freund vergällte, um sie an seiner Leine zu behalten. Wie er ihre Mutter fertigmachte, wenn sie es einmal wagte, eine eigene Idee in die Tat umzusetzen. Wie er ihr damals sogar mangelnden Glauben vorwarf, als alles Beten nichts half und der Krebs sie zusehends auffraß. Ja, dieser Mann, sein Vater, war der Kern allen Übels in ihrer kleinen Welt vom Anfang bis zum Ende.

Josua kannte sich aus im Haus. Er wusste genau, wo sein Vater das Geld aufbewahrte, das er „für später“, wie er immer sagte, zurückgelegt hatte und nicht einmal der Bank anvertraute, weil die ja weltlich war. Er brauchte lediglich nach nebenan zu gehen in das Arbeitszimmer seines Vaters, die Tür zu dem schweren Eichenschrank öffnen, die unterste Schublade herausziehen und sich nehmen, was ihm zustand.

„Nur über meine Leiche.“ War das tatsächlich das letzte Wort seines Vaters? Konnte ein Vater sich so seinem Kind in den Weg stellen? Josuas Herz schlug ihm bis zum Hals. Er spürte, wie seine Faust sich fester um den Stiel des Hammers schloss.

In diesem Moment hörte er hinter sich ein gurgelndes Geräusch. Im Umdrehen sah er noch, wie der Vater sich im Taumeln ans Herz fasste. Dann schlug er hart auf den Boden.

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