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Die Entscheidung

Der warme Sommerwind zupfte an ihrem strohblonden Haar. Sie ließ ihn gewähren. Sie wusste nicht, was sie als Nächstes tun würde. Sie saß einfach da im Sand der Düne zwischen dem duftigen, sich sanft wiegenden Dünengras und schmeckte die salzige Meeresluft auf ihren Lippen. Die Sonne wärmte angenehm ihre nackte Haut. Sie war allein, weit und breit kein anderer Mensch. Genau so, wie sie es sich gewünscht, wonach sie sich seit Tagen – seit Jahren? – gesehnt hatte. Die laue Brise tat ihrem Körper gut. Und ihrer Seele. Sie war einfach sie selbst. Nicht ihr Hund, nicht ihr Kind, nicht ihr Mann bestimmte, was sie tun oder lassen sollte. Niemand beurteilte sie und ihr Tun beziehungsweise ihr Nichtstun oder begutachtete ihr Äußeres. Kein Laut drang an ihr Ohr außer dem sanften Säuseln des Windes. Selbst das Rauschen im Kopf, das sie häufig quälte bis in die Nacht hinein, machte Pause, war wie weggeblasen. Freiheit und Geborgenheit waren in diesem Moment Gefühle, die sich nicht ausschlossen, sondern sich gleichermaßen an sie schmiegten wie zwei verschmuste Katzen, an jeder Seite eine, oder wie zwei Säulen zum Anlehnen, nicht hart und kalt, sondern weich und warm und nachgebend wie Gummi. Wann hatte sie sich zuletzt so gefühlt? Hatte sie sich in ihrem Leben überhaupt jemals so gefühlt? Vielleicht als Embryo im Bauch ihrer Mutter, dachte sie und musste lächeln. Aber mit ihrer Geburt hatte das Kämpfen begonnen und nie aufgehört, soweit sie zurückdenken konnte. Bis jetzt. Bis zu diesem Augenblick, den sie genoss. Ob sich so die Ewigkeit anfühlte? Wo kein Leid noch Geschrei noch Schmerz mehr sein würde?

Vor die Sonne schob sich eine Wolke und verjagte die tröstlichen Gedanken. Ein kühler Hauch mischte sich in die Wärme des Windes und ließ sie leicht frösteln. Wie auf ein stilles Kommando hin fühlte sie sich von der Wirklichkeit eingeholt, von ihrem Leben, wie es war und wie es spätestens ab morgen wieder sein würde, sobald sie zurückgekehrt wäre zu Hund und Kind und Mann. Sie wollte den schönen Augenblick von vorher zurückholen, einfangen wie einen Schmetterling im Netz. Es gelang ihr nicht, obwohl die Wolke am Himmel schon weitergezogen war und die Sonne wieder freigegeben hatte. Was war jetzt anders? Mit einem Mal hatten der Schmerz und das neuerwachte Wissen über sich und ihren Alltag und über die ungewisse Zukunft mit der Krankheit sie wieder fest im Griff. Sie begann zu würgen, schnappte nach Luft, zerrte den neben ihr auf dem Boden liegenden Bademantel heran und wickelte ihn fest um sich wie einen straffen Verband. Wie eine Zwangsjacke, wie ein Korsett, wie ein Gefängnis kam er ihr vor. Es war nicht der Bademantel an sich. Nein, er verkörperte jetzt alles, worin sie lebte und wohin sie zurückmusste, sobald diese Auszeit, diese kurze gnädige Auszeit vorüber war.

Brustkrebs. Die Diagnose hatte sie wie ein Blitz aus heiterem Himmel getroffen. Obwohl die Frauenärztin ihr schon bei der Routineuntersuchung gesagt hatte, dass da etwas sein könnte, was dort nicht hingehörte. Das Ergebnis der bildgebenden Untersuchung war eindeutig. Da sei „ein Schatten“, hieß es. Und die Gewebeprobe brachte endgültige Gewissheit. Bis dahin hatte sie sich an die Hoffnung geklammert, alles würde sich als Fehleinschätzung herausstellen. Dieser Strohhalm war jäh geknickt, der Befund eindeutig. Auch wenn ihr das unwirklich vorkam. Der Schock fühlte sich an wie ein Nebel, der ihr von einer Sekunde zur anderen die Sicht nahm. Sie spürte keinen Boden mehr unter den Füßen. Sie wusste, sie hätte mit ihrer Ärztin das weitere Vorgehen besprechen, Termine für die nächsten Schritte vereinbaren, Informationen über Entscheidungen für die eine oder die andere Behandlungsmethode erfragen sollen. Sie fühlte sich dazu außerstande. Sie wollte nur weg. Nach draußen. An die frische Luft! Sie musste allein sein, nur für sich, mit ihrem Schmerz, ihrer Trauer, ihrer Verzweiflung. Und so war sie hierher gekommen.

Als die nächste Wolke sich vor die Sonne schob, traf sie ihre Entscheidung: Den Kampf gegen die Krankheit würde sie aufnehmen. Sie würde jedoch nicht zurückkehren in ihr altes Leben. Die Kämpfe der Vergangenheit waren ausgekämpft. Jetzt würde sie neu beginnen. Und diesmal würde sie gewinnen!

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