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Der Runtermacher

Ich bin der Runtermacher. Sie dürfen gerne nachfragen. Alle, die mich näher kennen gelernt haben, werden Ihnen bestätigen: Niemand macht andere so runter wie ich.

Zum Beispiel meine Ex-Frauen. Viermal war ich verheiratet. Keine hat es länger als ein Jahr mit mir ausgehalten, so habe ich sie runtergemacht. Eine ist anschließend nach Kanada ausgewandert.

Oder meine Kinder. Aus jeder meiner Ehen habe ich eins. Keins will mehr den Kontakt zu mir. „Du machst uns doch nur runter“, behaupten sie und gehen ihrer Wege.

Freunde habe ich nicht. Die wenigen, die überhaupt versucht haben, in so etwas wie eine freundschaftliche Beziehung zu mir zu treten, haben es schnell wieder sein lassen. Denn auch sie habe ich runtergemacht.

Auf der Arbeit darf ich nichts mehr machen, was mit Kundenkontakt zu tun hat. Mit Kunden kriege ich mich nämlich grundsätzlich in die Haare, weil ich sie runtermache. Aus dem Großraumbüro haben die Kolleginnen und Kollegen mich längst verbannt. „Mit dir ist es einfach nicht auszuhalten, so wie du uns ständig runtermachst“, klagen sie.

Obwohl sonst ja vor allem Chefs ihre Untergebenen runtermachen, bringe ich es als Untergebener fertig, auch meinen Chef runterzumachen. Der tut dann so, als würde alles an ihm abprallen. Schließlich ist er mein Chef. Aber wenn Sie ihn einmal im Vertrauen darauf ansprechen, wird er zugeben müssen, dass ich ihn bisweilen ganz schön runtermache.

Dabei bin ich nicht etwa stolz darauf, der Runtermacher zu sein. Es liegt mir aber nun einmal im Blut und ich kann es nicht ändern. Deshalb würde ich sogar Sie runtermachen, wenn Sie mir Gelegenheit dazu gäben.

Manchmal - nein, oft - mache ich mich selber runter. Entweder, weil gerade niemand anders da ist, den ich runtermachen kann. Oder weil es so sehr in meiner Natur liegt, Menschen runterzumachen, dass ich mich selbst nicht davon ausnehmen will. Ich fühle mich hinterher zwar schlecht. Aber dann weiß ich immerhin, was die anderen fühlen, wenn ich sie runtergemacht habe. Das ist so etwas wie ausgleichende Gerechtigkeit.

Inzwischen mache ich aus der Not eine Tugend. Wenn mich wegen meiner besonderen Eigenschaft sowieso keiner leiden mag, schlage ich aus dieser Fähigkeit wenigstens Profit. Ich habe eine Geschäftsanzeige in die Zeitung gesetzt. Überschrift: Runtermacher gesucht? Ein Blickfang mit meiner Kernkompetenz, meinem Alleinstellungsmerkmal. Und im Kleingedruckten heißt es: Sie wollen endlich einmal Ihre Frau oder Ihren Mann runtermachen, Ihre Kinder, Ihre Freunde, Ihre Kunden, Ihre Kolleginnen und Kollegen, Ihren Chef? Sie trauen sich bloß nicht? Dann rufen Sie mich an! Ich mache jeden für Sie runter. Kompetent, preiswert und mit Geld-zurück-Garantie, falls es nicht klappt. Ab dem dritten Auftrag mit Rabatt. Und für jede erfolgreiche Empfehlung kriegen Sie einmal Runtermachen gratis. Sind Sie unzufrieden mit sich selbst? Brauchen Sie dringend eine Abreibung, um wieder auf den Boden der Tatsachen zurückzukehren? Auch das erledige ich für Sie. Allerdings nur gegen Vorkasse. Denn in diesem Fall garantiere ich für nichts.

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